stromereien 05- Site Specificity
Symposium zu Raum und Ort

Tanzhaus Zürich, Sonntag, 31. Juli 2005, 17.00 Uhr, Eintritt frei

stromereien bietet der ortsspezifischen (site-specific) Performance eine Plattform zur Reflexion. Aufgrund der Erfahrungen und Bedürfnisse der letzen Jahre findet dieses Jahr neu - neben den vier Performance-Abenden - eine Veranstaltung zu Performance-Theorie statt. Das Symposium konzentriert sich dabei auf die Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis und thematisiert das, was das Festival in seiner Ausrichtung auszeichnet: die Ortsspezifik (Site Specificity) von Performances.

Theorieintervention Landschaftsarchitektur
mit Geländebegehung des Uferraumes Unterer Letten
Auf welchen Konzepten und Begriffen basiert die Wahrnehmung eines Ortes in der Landschaftarchitektur?
Martina Voser, dipl.arch. ETH, Büro vi.vo.architektur.landschaft Zürich und Designlab des Instituts für Landschaftsarchitektur ETH Zürich.

Theorieintervention Kunstwissenschaft
Welche Chancen und Risiken birgt das Konzept von 'Site-specific Performances' aus kunsttheoretischer Sicht?
Christian Janecke, Professur für Kunstgeschichte, HfG Offenbach

Talking Performance
Wie weit sind die vorgeschlagenen theoretischen Ansätze für die ästhetische Praxis relevant?
Podiumsgespräch mit den ReferentInnen, mit den stromereien-KünstlerInnen Wendy Houstoun, Constanza Macras, Yan Duyvendak und mit Anna Bürgi (Tänzerin) und Boris Hitz (Architekt) der Zürcher Performance-Gruppe annas kollektiv. Moderation: Christina Thurner
(mit freundlicher Unterstützung des British Council)

Das Symposium richtet sich an alle Beteiligten von stromereien 05, an Kunstschaffende und Kunstinteressierte, Kunsthochschul- und Uni-Studierende und eine interessierte Öffentlichkeit.

 

Zu den Beiträgen:


Theorieintervention Landschaftsarchitektur

mit Geländebegehung des Uferraums Unterer Letten

Fluss_Raum (Martina Voser)

Der Begriff Landschaft ist doppeldeutig: einerseits bezeichnet er einen Raum, einen Ort oder ein Territorium, andererseits handelt es sich um ein bildhaftes Wahrnehmungskonstrukt im Kopf, das in eine bestimmte Form des Sehens mündet. In diesem Spannungsfeld zwischen Bild und Raum spielt sich unsere Erfahrung von Landschaft ab. Die Be-gehung eines Ortes oder eines Landschaftsraumes bewirkt eine andere Form von Wahr-nehmung und Betroffenheit als die rein visuelle Anschauung, die aus der Distanz erfolgt: Das Gehen als körperliche Aktion wird selbst zu einem alternativen Wahrnehmungsinstrument, das die visuelle Anschauung zu ergänzen oder zu stören vermag. Der performative Akt des Gehens durch ein Raum-Zeit-Kontinuum versammelt zusätzlich taktile, akustische und haptische Erfahrungen. Durch die geführte Begehung des Flussraums werden diese Wahrnehmungen in Bezug auf einen Standpunkt gebündelt und ständig neu ausgerichtet. Unter diesem Fokus erzählt der Untere Letten plötzlich nicht nur über Dynamik, Vorher und Nachher, sondern auch über die Geschichte der dem Fluss zugewandten Stadt, die sich im 19. Jahrhundert von ihm abkehrte und sich ihm heute wiederum neu hinwendet.

dipl. arch. ETH Martina Voser (*1973) studierte Architektur an der ETH Zürich. Nach ihrem Diplom 1999 arbeitete sie in verschiedenen Landschaftsarchitekturbüros unter anderem bei KuhnTruninger Landschaftsarchitekten GmbH in Zürich. Seit 2000 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Landschaftsarchitektur der ETH Zürich, bei Professor Ch. Girot, wobei sich die Lehre nebst dem Entwerfen sehr stark mit der Wahrnehmung von Landschaft auseinandersetzt. Zusammen mit Maria Viñe gründete sie 2004 das Büro vi.vo.architektur.landschaft, das sich zwischen Architektur und Landschaft positioniert und stark mit dem öffentlichen Raum beschäftigt.

Publikationen zum Thema: Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur, Martina Voser (Hrsg.): "labscape. Experimentieren in der Landschaft", Zürich. Erscheint Herbst 2005. Lehrstuhl für Landschafts-architektur, Martina Voser (Hrsg.): "waterscapes. 6 Projekte für den Churer Rossboden". Zürich, Erscheint Herbst 2005. Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur, Martina Voser (Hrsg.): "vedute di napoli". Reader Seminarwoche, Zürich 2002.


Theorieintervention Kunstwissenschaft

site-specific performance - Chancen und Risiken eines Konzepts (Dr. Christian Janecke)

Parallel zu einer Kunst im öffentlichen Raum, die nicht länger 'drop sculpture' sein wollte und stattdessen lieber vorgefundene landschaftliche, urbane, architektonische Konstellationen thematisierte, u.U. nur geringfügig in sie eingriff oder Markierungen vornahm, entwickelte sich auch site specific performance - beflügelt u.a. von entsprechenden Experimenten freien Theaters an unkonventionellen Spielstätten.
Auch zu einer nicht auf Orte im landläufigen Sinne, sondern eher auf soziale, politische oder kunstinstitutionelle Kontexte bezogenen Site Specificity Bildender Kunst gibt es Vergleichbares im Bereich Performance.
Die Chancen eines solchen Unterfangens liegen bereits in der Aufwandsersparnis der Akteure, aber auch in der 'Bespielung' bzw. Thematisierung gewisser, dem erwartbaren Publikum vertrauter Areale oder Verhältnisse, denen jetzt denkwürdige, jedenfalls ungekannte Aspekte abgewonnen werden.
Zu den Risiken zählt allerdings, dass Performance mit dem Verzicht sowohl auf einschlägige theatrale, als auch auf jene temporären Bühnen oder Nischen, die sie in Museen oder anderen Kulturinstitutionen vorfindet, auch jene Neutralität preisgibt, die eben nicht allein 'konventionelle Wahrnehmungsmuster' bedient, sondern die auch Abweichung vom Status quo, ja die oft erst Verwandlung sowie Thematisierung entlegener und komplexer Inhalte ermöglicht.
Darüber hinaus trifft Performance als zeitlich aufführende Kunstform immer schon auf ein versammeltes wie gespanntes Publikum: Damit aber entfällt die für Bildende Kunst im öffentlichen Raum oftmals so wichtige Möglichkeit einer solitären Erkundung, gar eines Überraschtwerdens der einzelnen Betrachter durch entsprechende, gleichsam im Außeralltäglichen getarnte Werke.
Hinzu kommt, dass ja auch außerkünstlerisches Verhalten, welches heute gern als unsere 'alltägliche Performance' diskutiert wird, fast immer und gezwungenermaßen 'site-/ortsspezifisch' verläuft. Schmiegt sich nun künstlerische Performance daran an, so bedarf sie doch wieder anderweitiger Rahmensetzungen, d.i. Abgrenzungen, um ihre Botschaften erkennbar zu halten.

PD Dr. Christian Janecke: z. Zt. Vertretungsprofessur Kunstgeschichte, HfG Offenbach; Buchpublikationen: Zufall und Kunst - Analyse und Bedeutung. Nürnberg 1995; Johan Lorbeer - Performances u. Bildnerische Arbeiten. Nürnberg 1999; Tragbare Stürme. Von spurtenden Haaren u. Windstoßfrisuren. Marburg 2003; (Hrsg.): Haar tragen - eine kulturwissenschaftliche Annäherung. Köln / Wien / Weimar 2004; (Hrsg.): Performance und Bild / Performance als Bild. (Fundus 160) Berlin 2004; [ (Hrsg.): Gesichter auftragen. Erscheint bei Jonas, Marburg Frühj. 2006]

Publikationen zum Thema: (Hg.): "Performance und Bild / Performance als Bild." (Fundus 160) Berlin 2004; "Johan Lorbeer - Performances u. Bildnerische Arbeiten." Nürnberg 1999; "Bei sich selbst ankommende Betrachter - Irrwege des Performativitätsdiskurses auf dem Feld Bildender Kunst." In L. Blunck (Hg.): Werke im Wandel? Zeitgenössische Kunst zwischen Werk und Wirkung. München: S. Schreiber, 2005; "Adam Page / Eva Hertzsch: 'Die Funktion eines Raumes als ein Gestaltungssystem um Position zu beziehen'." Einf. u. Begleittext, Projekttheater Dresden 1997, CD-Rom 2001.


Talking Performance

Podiumsgespräch mit:

annas kollektiv (CH): Seit 1999 erarbeitet die interdisziplinäre Zürcher Gruppe annas kollektiv ortsspezifische Tanzperformances. Das Kollektiv besteht aus zwei Tänzer/Choreografinnen, einem Architekten, einem Produktgestalter und einer Videokünstlerin. Folgende Produktionen sind entstanden: "minus plus" (1999) im Rahmen des Brückenprojekts des Tanzhaus Zürich, "three cities - four bodies" (2000) während des Architektursymposiums Pontresina, "minus 4°" im Rahmen von "Kunstszene Zürich" im Hürlimann-Areal, "nebel leben" (2002) im Welti-Furrer Areal, "ein und (h)aus" (2003) im Rahmen von "Nouvelle Danse" im KKL Luzern in Koproduktion mit luzerntanz und zuletzt "pass stück" auf dem Turbinenplatz Zürich 2005 in Koproduktion mit dem Tanzhaus Zürich, dem Fabriktheater Rote Fabrik und dem Theaterhaus Gessnerallee.
www.annaskollektiv.ch

Dr. Christina Thurner (Moderation) (*1971) hat in Zürich und Berlin studiert. Seit 1997 ist sie wissenschaftliche Assistentin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Basel; Promotion 2001. Seit 1996 arbeitet sie ausserdem als Tanzjournalistin u.a. für die Neue Zürcher Zeitung. Mit Tanz beschäftigt sie sich auch wissenschaftlich in Forschung und Lehre; Lehraufträge am Institut für Theaterwissenschaft der Universität Bern. Im Jahr 2003 weilte sie als Associated Fellow am Dance Departement der University of Surrey, England.

Publikationen zum Thema: "Aus der Reihe tanzen: Körper-Raum-Zeit in Bewegung." In: Performativ! Performance-Künste in der Schweiz. Ein Reader. Eingerichtet von Sibylle Omlin. Hrsg. v. Pro Helvetia Kommunikation. Zürich 2004. S. 51-58.; In die Luft geschrieben. Beobachtungen zur Semiose im zeitgenössischen Tanz. In: Ernest W.B. Hess-Lüttich (Hg.): Tanz-Zeichen. Vom Gedächtnis der Bewegung (Special Issue of Kodikas/Code. Ars Semeiotica 26 (2003) 3/4). Tübingen 2004. S. 307-317.; Tr(ans)a(d)di(k)tionen. Experimenteller Bühnentanz von Schweizer Choreograph/innen. In: Jahrbuch Tanzforschung. Bd. 9/1998. Hrs